Ein Stromausfall an einem Atomkraftwerk ist bereits ein ernstes Ereignis. Wenn Europas größtes Kernkraftwerk innerhalb weniger Stunden gleich zweimal seine externe Stromversorgung verliert, wird aus einer technischen Störung jedoch eine Nachricht mit besonderer Brisanz. Genau das ist am Samstag, dem 8. August 2026, im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja passiert.
Nach Angaben des ukrainischen Atomkonzerns Energoatom wurde um 10:59 Uhr die 330-Kilovolt-Leitung L-243 „Ferosplavna – SaTES Nr. 1“ kurzzeitig abgeschaltet. Diese Leitung versorgt wichtige Eigenbedarfssysteme des Kraftwerks mit Strom. Zwar schaltete sich die Leitung an der Umspannstation Ferosplavna automatisch wieder zu und stand unter Spannung, doch während der notwendigen Umschalt- und Kontrollmaßnahmen musste das Kraftwerk seine eigenen Systeme über Dieselgeneratoren versorgen.
Um 11:52 Uhr war die externe Stromversorgung wiederhergestellt. Die Entwarnung hielt allerdings nicht lange. Bereits um 14:26 Uhr verlor das Kraftwerk erneut die externe Stromversorgung. Wieder mussten Dieselgeneratoren übernehmen. Erst um 15:35 Uhr konnten die Eigenbedarfssysteme wieder über die 330-Kilovolt-Leitung „Ferosplavna-1“ mit Strom versorgt werden.
Damit war das Kraftwerk am selben Tag zweimal auf seine Notstromversorgung angewiesen. Nach bisher veröffentlichten Angaben kam es dabei zu keinem gemeldeten radiologischen Zwischenfall. Dennoch ist die Situation alles andere als gewöhnlich. Das Atomkraftwerk Saporischschja verfügt über sechs Reaktorblöcke und gilt als größtes Kernkraftwerk Europas. Die Reaktoren befinden sich zwar im abgeschalteten Zustand, doch auch abgeschaltete Reaktoren benötigen weiterhin Strom für Kühlung, Überwachung und andere sicherheitsrelevante Systeme.
Die Ereignisse fallen zudem in eine bereits lange Serie von Problemen mit der Stromanbindung des Standorts. Schon am 4. August hatte das Kraftwerk nach ukrainischen Angaben zeitweise die externe Versorgung verloren und auf Dieselgeneratoren zurückgreifen müssen. Die IAEA warnt seit Jahren, dass eine verlässliche externe Stromversorgung für die Sicherheit des Standorts entscheidend bleibt. Gerade weil die Anlage keinen normalen Strom produziert, kann leicht der falsche Eindruck entstehen, ein Stromausfall sei dort weniger problematisch. Tatsächlich bleiben zentrale Sicherheitsfunktionen auch im Stillstand auf Energie angewiesen.
Genau hier liegt die Gefahr eines länger andauernden Blackouts. Dieselgeneratoren sind als Rückfallebene vorgesehen, nicht als dauerhafte normale Stromversorgung eines Kernkraftwerks. Sie müssen zuverlässig starten, ausreichend Treibstoff besitzen und technisch funktionsfähig bleiben. Je häufiger eine Anlage auf solche Notfallsysteme angewiesen ist, desto deutlicher wird, wie wichtig mehrere voneinander unabhängige externe Stromverbindungen für die nukleare Sicherheit sind.
Energoatom erklärte, die erneuten Unterbrechungen zeigten die Verwundbarkeit des Kraftwerks unter den Bedingungen der russischen Besetzung. Die Anlage befindet sich seit 2022 unter russischer Kontrolle. Aussagen zu den Ursachen einzelner Störungen und zur Verantwortung müssen wegen des laufenden Krieges besonders vorsichtig bewertet werden. Unstrittig ist jedoch, dass wiederholte Verluste der externen Stromversorgung das Sicherheitsrisiko erhöhen.
Für die Blackout-Vorsorge liefert der Vorfall eine eindrückliche Erinnerung: Notstrom ist nicht dasselbe wie eine dauerhaft sichere Stromversorgung. Selbst große kritische Einrichtungen planen mehrere Rückfallebenen ein. Im privaten Bereich gilt dasselbe Prinzip im kleineren Maßstab – Taschenlampe plus Ersatzbatterien, Powerbank plus alternative Lademöglichkeit und nicht nur eine einzige Licht-, Kommunikations- oder Kochmöglichkeit.
Am Samstag funktionierte die Rückfallebene in Saporischschja. Dass sie innerhalb weniger Stunden zweimal gebraucht wurde, macht den Vorfall dennoch bemerkenswert.
Quellen: Energoatom, berichtet von Ukrainian National News (UNN), 8. August 2026; Chornobyl.in.ua, 9. August 2026; Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), Informationen zur Bedeutung externer Stromversorgung und Notstromversorgung am AKW Saporischschja.
Vorfälle & Analysen
Allgemein
09.08.2026
Zweimal Blackout an Europas größtem AKW: Saporischschja schaltet auf Diesel um
Europas größtes Atomkraftwerk verlor am 8. August innerhalb weniger Stunden zweimal die externe Stromversorgung. Beide Male mussten Dieselgeneratoren übernehmen.